Gaius
Cornelius Tacitus (der Schweigsame)
ca. *55 n. Ch. / + nach 115 n. Ch. Tacitus war ein römischer Historica, der sich unter anderem sehr mit den Geramanen beschäftigte, ohne je selbst Germanien bereist zu haben. Seine Aussagen beruhen auf Befragungen von römischen Legionären, Söldnern und germanische Sklaven. Wikipedia zu Tacitus - http://de.wikipedia.org/wiki/Tacitus
Text von Tacitus über Germanen -ca. um 100 n. Ch. De
origine et situ Germanorum 1. Die Grenzen Germaniens Germanien in seiner gesamten Ausdehnung wird von den Galliern und den Rätern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Sarmakaten und Dakern durch die beiderseitige Furcht oder durch Gebirgszüge abgegrenzt; die übrigen Teile umspült der Ozean, der breite Halbinseln und Inseln von unermeßlicher Ausdehnung umschließt, auf denen man erst in jüngerer Zeit einige Völkerschaften und Könige entdeckt hat, deren Kenntnis (uns) der Krieg erschloß. Der Rhein entspringt auf einem unzugänglichen, steilen Gipfel der Rätischen Alpen, wendet sich nach mäßiger Krümmung nach Westen und mündet in die Nordsee. Die Donau kommt von dem sanft und allmählich ansteigenden Bergrücken des Schwarzwalds und berührt (auf ihrem Laufe) zahlreiche Völker, bis sie sich schließlich in sechs Flußarmen den Durchbruch ins Schwarze Meer erkämpft; ein siebenter Arm verliert sich in sumpfigem Gebiete.
Von der Germanen
selbst möchte ich glauben, daß sie Ureinwohner (des Landes)
und kaum durch das Eindringen und die bereitwillige Aufnahme fremder Völker
mit anderen vermischt sind. Denn nicht auf dem Landwege, sondern zu Schiff
kamen in alter Zeit die Menschen, die ihre Wohnsitze zu verändern
suchten, in andere Länder, und der sich in unermeßliche Weiten
verlierende und sozusagen auf einer Welt uns gegenüberliegende Ozean
wird ja auch nur selten von Schiffen unseres Erdteiles befahren. Wer hätte
ferner, ganz abgesehen von den Gefahren des schaurig bewegten und unbekannten
Meeres, Asien oder Afrika oder Italien den Rücken kehren und nach
Germanien ziehen wollen, das ohne Reiz im Aufbau seiner Landschaft und
rauh im Klima, dessen Gesamteindruck niederdrückend ist - es sei
denn es wäre seine Heimat?
Man berichtet,
auch Herkules sei bei ihnen gewesen, und ihn besingen die Germanen (wirklich)
als den hervorragensten ihrer Helden, wenn sie in den Krieg ziehen. Es
gibt bei ihnen auch eine Art von Liedern, durch deren Vortrag, den sie
als "barditus" bezeichnen, sie den Mut (der Kämpfer) beleben
und den Ausgang einer bevorstehenden Schlacht - lediglich nach dem Klang
- deuten: sie verbreiten nämlich oder empfinden Schrecken, je nachdem
wie der Gesang der Kämpfer ausfiel, und sie sehen in ihm weniger
ein Zusammenklingen ihrer Stimmen als ihrer tapferen Herzen. Erstrebt
wird vor allem Rauheit im Klang und ein stoßweise hervorgebrachtes
dröhnendes Gebrüll. Sie halten dabei die Schilde nahe an den
Mund, um die Stimme durch den Widerhall voller und dumpfer anschwellen
zu lassen.
Ich selbst schließe mich der Meinung derer an, die glauben, daß die Stämme Germaniens - in keiner Weise durch eheliche Verbindungen mit anderen Völkern verfälscht - ein eigenwüchsiges, unvermischtes Volk von unvergleichlicher Eigenart sind. Darum ist auch die äßere Erscheinung, soweit man das bei einer so großen Zahl von Menschen sagen kann, bei allen gleich: alle haben trotzige, blaue Augen, rotblondes Haar und hünenhafte Leiber, die freilich nur zum Angriff taugen. In mühseliger Arbeit und Strapazen haben sie nicht die gleiche Ausdauer, und am wenigsten sind sie Durst und Hitze zu ertragen gewöhnt, wohl aber infolge des Klimas und der Bodenbeschaffenheit Kälte und Hunger.
Die Landschaft
zeigt zwar im einzelnen eine gewisse Abwechslung, ist aber im ganzen doch
schaurig durch ihre Wälder oder durch Sümpfe entstellt, reicher
an Niederschlägen, wo sie den gallischen Provinzen zugewandt ist,
windreicher nach Norikum und Pannonien hin. Das Land ist fähig, die
Saat zur Reife zu bringen, kaum gewillt, Obstbäume zu tragen, zwar
reich an Vieh, aber das ist meist wenig ansehnlich. Nicht einmal das Pflugvieh
hat in dem stolzen Stirnschmuck die ihm zukommende Auszeichnung: die Germanen
freuen sich, wenn sie viel Vieh haben, und das ist ihr einziger und der
ihnen willkommenste Reichtum.
Nicht einmal
Eisen ist im Überfluß vorhanden, wie sich aus der Art ihrer
Angriffswaffen ergibt. Nur wenige haben Schwerter oder Speereisen von
größerer Länge und Breite; sie tragen Stoßlanzen
oder - nach ihrer eigenen Bezeichnung - "Framen" mit einer schmalen
und kurzen, aber so scharfen und praktisch gut verwendbaren Eisenspitze,
daß sie, je nach den Erfordernissen der Kampflage, mit derselben
Waffe aus geringerer oder größerer Entfernung kämpfen
können. Der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Kämpfer
zu Fuß schleudern auch kleinere Wurfspieße - jeder mehrere
-, und sie schnellen sie ungeheuer weit, mit nacktem oder nur mit einem
Mantel leicht bekleidetem Oberkörper. Es gibt kein Prunken mit schmucken
Waffen; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit besonders ausgesuchten
Farben. Nur wenige haben Brustpanzer, kaum der eine oder andere einen
Metall- oder Lederhelm.
Die Könige wählen sie nach dem Adel ihrer Abkunft, die Herzöge auf Grund persönlicher Tapferkeit. Den Königen steht keine unbegrenzte oder willkürliche Machtbefugnis zu, und die Herzöge führen mehr durch ihre Vorbildlichkeit als durch Befehlsgewalt: wenn sie entschlossen sind, wenn sie sich hervorragend schlagen und vor der Front ihren Mann stehen, dann führen sie dank der Bewunderung, die man ihnen entgegenbringt. Übrigens ist es nur den Priestern gestattet, jemanden zu töten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, (und das geschieht) nicht etwa zum Zwecke der Bestrafung oder auf Geheiß des Herzogs, sondern gleichsam auf Befehl der Gottheit, an deren hilfreiche Anwesenheit im Kampfe sie glauben. In die Schlacht nehmen sie aus den heiligen Hainen Bilder (der den Göttern heiligen Tiere) und gewisse Symbole (ihrer Gottheiten) mit; der stärkste Ansporn zur Tapferkeit ist aber die Tatsache, daß nicht Zufall und willkürliche Zusammenrottung die Reitergruppe oder den Keil bilden, sondern die Sippen und die weitere Verwandschaft. Und in nächster Nähe (des Schlachtfeldes) befinden sich ihre (heiligsten) Unterpfänder, (ihre Lieben,) so daß sie von dort die lauten Kampfrufe ihrer Frauen, das Wimmern ihrer Kinder hören können. Dies sind für jeden die heiligsten Zeugen, auf ihre Anerkennung legt jeder den größten Wert: zu den Müttern, zu den Frauen bringen sie ihre Wunden, und diese zeigen keine Scheu, die Verletzungen zu zählen und genau zu untersuchen; sie bringen auch den Kämpfern Speise und Zuspruch.
Es wird berichtet,
daß manches schon zum Weichen gebrachte und zurückflutende
Heer von den Frauen dadurch zum Stehen gebracht worden ist, daß
sie (die Zurückgehenden) inständig (um Schutz) baten, ihnen
die entblößte Brust entgegenhielten und auf die unmittelbar
drohende Gefangenschaft hinwiesen, die die Germanen viel leidenschaftlicher
für die Frauen fürchten; (das geht) so weit, daß man wirkungsvoller
die Stämme verpflichtet, die unter den Geiseln auch vornehme junge
Mädchen stellen müssen.
Unter den Göttern verehren sie am meisten Merkur, dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen zu müssen glauben. Herkules und Mars suchen sie durch erlaubte, das heißt Tieropfer, zu gewinnen. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis; wie es zur Einführung dieses fremden Kultes gekommen ist und woher er stammt, habe ich nicht in Erfahrung bringen können; nur (soviel läßt sich sagen), daß das Kultsymbol selbst, einer Barke nachgebildet, auf eine Einführung des Kultes auf dem Seewege hinweist. Übrigens glauben die Germanen, daß es mit der Hoheit des Himmlischen unvereinbar sei, Götter in Wände einzuschließen und sie irgendwie menschlichem Gesichtsausdruck anzunähern: sie weihen Lichtungen und Haine und geben die Namen von Göttern jener weltentrückten Macht, die sie allein in frommen Erschauern erleben.
Vorzeichen
und Losorakel beobachten sie wie kaum ein zweites Volk. Das herkömmliche
Verfahren ist recht einfach: Sie schneiden von einem fruchttragenden Baum
einen Reis ab, zerschneiden es in Stäbchen, versehen diese mit bestimmten
(runenartigen) Zeichen und streuen sie planlos über ein weißes
Tuch, wie sie ihnen gerade unter die Hand kommen. Dann betet der Stammespriester,
wenn eine Befragung von Stammes wegen erfolgt, bei privater Befragung
der Hausherr persöhnlich, zu den Göttern und hebt - den Blick
zum Himmel gewendet - dreimal (hintereinander) eins auf und deutet die
aufgehobenen Stäbchen nach dem vorher eingeritzten Zeichen. Geben
sie ablehnenden Bescheid, dann wird an demselben Tage in derselben Angelegenheit
keine Befragung mehr vorgenommen; bei zustimmendem Bescheid wird die zusätzliche
Bestätigung durch Vorzeichen für erforderlich gehalten. Sie
kennen auch den (weitverbreiteten) Brauch, die Stimmen der Vögel
und ihren Flug zu befragen; eine besondere Eigenart des germanischen Volkes
ist es jedoch, auch Witterung und Weisung von Rossen prüfend zu erforschen.
Die Tiere werden auf Kosten des Stammes in den bereits erwähnten
Hainen und Lichtungen gehalten, weißglänzend und durch keinerlei
irdischen Dienst entweiht. Der Priester und der König oder das staatliche
Oberhaupt gehen neben den Rossen her, die an den heiligen Wagen geschirrt
sind, und beobachten ihr Wiehern und Schnauben. Kein Vorzeichen gnießt
größeres Vertrauen, nicht nur in den breiten Schichten der
Gemeinfreien: selbst bei den Vornehmen und Priestern; diese halten sich
nämlich für Diener der Götter, von den Rossen meinen sie,
sie wüßten um den Willen der Götter.
Über geringfügigere Anliegen beschließen die Gaufürsten allein, über bedeutendere alle Gemeinfreien, jedoch in der Weise, daß auch das, worüber das Volk zu entscheiden hat, im Rate der Fürsten vorbehandelt wird. Man kommt, wenn nicht ein überraschendes, dringendes Ereignis eintritt, an festliegenden Tagen, bei Neu- oder Vollmond, zusammen; die Germanen meinen nämlich, dies sei die verheißungsvollste Zeit, etwas zu beginnen. Sie berechnen (übrigens) nicht wie wir die Zahl der Tage, sondern die der Nächte. Danach setzen sie ihre Zusammenkünfte fest, danach verabreden sie sich: die Nacht führt sozusagen den Tag herauf. Das ist eine Schattenseite ihres Strebens nach persönlicher Freiheit, daß sie nicht auf einmal und nicht wie auf Befehl zusammenkommen, sondern daß ein zweiter und ein dritter Tag über dem zögernden Eintreffen der Thingteilnehmer ungenützt verstreicht. Wie es der ungeordneten Menge gefällt, nimmt man bewaffnet Platz. Ruhe wird durch die Priester geboten, die nun auch das Recht haben, Strafen zu verhängen. Dann schenkt man - dem Alter, dem Adel, dem Kriegsruhm und der Rednergabe jedes einzelnen entsprechend - dem König oder einem der führenden Adligen Gehöhr, mehr weil man ihrem Rat maßgebliche Bedeutung beimißt, als weil sie die Macht hätten zu befehlen. Mißfällt (der Menge) die vorgetragene Ansicht, dann lehnt man sie durch (allgemeines) Murren ab; gefällt sie ihnen, dann schlagen sie die Framen aneinander; die ehrenvollste Art der Zustimmung ist der mit den Waffen gezollte Beifall.
Vor dem Thing
darf man auch Klage erheben und einen Prozeß auf Leben und Tod anhängig
machen. Aus dem Vergehen ergibt sich das unterschiedliche Strafmaß:
Verräter und Überläufer knüpfen sie an (dürren)
Bäumen auf, Feiglinge, Kampfscheue und der Unzucht Überführte
versenken sie im Morast eines Sumpfes, den sie mit Reisig überdecken.
Die verschiedene Abstufung der Todesstrafe geht auf die Vorstellung zurück,
daß man die Bestrafung gemeiner Verbrechen gleichsam sichtbar vollziehen,
ehrenrührige Handlungen mit Schweigen zudecken müsse. Aber auch
geringere Vergehen finden die entsprechende Sühne: Die Schuldigen
büßen ihr Vergehen mit einer bestimmten Anzahl von Pferden
oder Vieh. Ein Teil der Buße wird dem König oder dem Stamm,
ein Teil dem Geschädigten oder seiner Verwandtschaft gezahlt.
Es gibt überhaupt
nichts im staatlichen oder persönlichen Bereiche, was sie ohne Bewaffnung
vollzögen. Aber die Sitte verbietet, daß jemand Waffen anlegt,
ehe die Gemeinde ihn für waffenfähig erklärt. Dann schmücken
eben auf einem solchen Thing einer der Fürsten oder der eigene Vater
oder den Verwandten den jungen Mann mit Schild und Frame: das entspricht
bei ihnen der Anlegung der Toga (bei uns), das ist die erste Auszeichnung
für die jungen Männer; bis dahin gelten sie als Glied des väterlichen
Hauses, nunmehr als Glied des Staates.
Kommt es zum
Kampf, dann ist es für den Gefolgsherrn eine Schmach, sich an Tapferkeit
übertreffen zu lassen, für die Gefolgschaft ist es eine Schande,
es dem Gefolgsherrn in Tapferkeit nicht gleichzutun. Ganz ehrenrührig
aber und ein Vorwurf für das ganze Leben ist es, den Gefolgsherrn
zu überleben und heil aus dem Kampfe heimzukehren; ihn zu verteidigen
und zu beschützen, auch die eigenen Heldentaten seinem Ruhme zuzurechnen
ist die wesentlichste Verpflichtung ihres Treueschwurs: die Gefolgsherren
kämpfen um den Sieg, die Gefolgsleute für ihren Gefolgsherrn.
Wenn sie (einmal)
nicht in den Krieg ziehen, verbringen sie die Zeit zum kleineren Teile
mit Jagden, zum größeren mit erholsamen Ausruhen. Dann schlafen
und essen sie mit Hingabe, und es sind gerade die tapfersten und kriegerischsten
Naturen, die völlig ausspannen. Die Sorge um Haus, Hof und Acker
überläßt man den Frauen, alten Männern überhaupt
allen Schwachen auf dem Hofe; sie selbst leben in einem merkwürdigen
Zwiespalt ihres Wesens in stumpfen Nichtstun dahin: es sind ja doch dieselben
Menschen, die die Trägheit so lieben und die Ruhe des Friedens so
hassen.
Es ist allgemein bekannt, daß die Germanenstämme nicht in Städten leben, ja überhaupt nichts von untereinander verbundenen Wohnsitzen (geschlossener Siedlung) wissen wollen: sie siedeln in einzelnen, voneinander weit abliegenden Gehöften, je nachdem wie ihnen ein Quell, ein Feld oder ein Hain gefällt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Art so an, daß die Häuser eng nebeneinanderstehen und eine Straße bilden: jeder umgibt seinen Hof mit einem freien Raum; vielleicht versprechen sie sich davon Hilfe für den Fall der Feuersgefahr, vielleicht verstehen sie auch nicht zu bauen. Nicht einmal Bruch- oder Backsteine sind bei ihnen in Gebrauch; sie verwenden zu allem, ohne auf einen schönen oder gefälligen Anblick Wert zu legen, roh behauenes Bauholz. Manche Stellen (an der Außenfront ihrer Häuser) überstreichen sie freilich mit einer gewissen Sorgfalt mit einer so weißglänzenden Erdmasse, daß sie den Eindruck von Bemalung und farbiger Linienführung erweckt. Sie sind auch gewohnt, unterirdische Höhlen auszuheben, über die sie eine starke Dungschicht legen: das ist dann eine Zufluchtstätte für den Winter und ein Getreidespeicher; denn solche Anlagen mildern die starre Winterkälte, und wenn der Feind einmal ins Land eindringt, dann verwüstet er das frei Daliegende, während er von dem Versteckten und Vergrabenen entweder nichts weiß oder es gerade darum übersieht, weil er es erst suchen muß.
Als Obergewand
tragen alle Männer einen mantelartigen Überwurf, der mit einer
Spange oder, wenn man keine hat, mit einem Dorn zusammengehalten wird;
ohne weitere Unterkleidung verbringen sie so ganze Tage am Herdfeuer.
Die Reichsten tragen davon abweichend Unterkleidung; es ist das aber kein
lose herabwallendes Gewand, wie es die Sarmaten und Parther tragen, sondern
ein straff anliegendes, das die einzelnen Gliedmaßen deutlich hervortreten
läßt. Die Germanen tragen auch Tierfelle: die am Rhein- oder
Donauufer wohnenden, ohne auf die Auswahl besonderen Wert zu legen, die
weiter im Inneren ansässigen mit sorgsamer Wahl, da sie keinerlei
Handelsbeziehungen und darum sonst keine Möglichkeit haben, sich
zu schmücken. Diese Stämme suchen die Tiere sorgfältig
aus und besetzen die abgeschorenen Felle mit Pelzflecken von Tieren, die
das Weltmeer in seinen höheren Breiten und seinen unerforschten Teilen
erzeugt.
Trotzdem hat
man bei ihnen von der Ehe eine strenge Auffassung, und es gibt keine Seite
ihres sittlichen Lebens, die man mehr rühmen könnte. Denn sie
sind fast allein von allen fremden Völkern mit einer einzigen Frau
zufrieden; nur sehr wenige bilden eine Ausnahme, die sich indessen nicht
aus Sinnlichkeit, sondern wegen ihrer adligen Stellung mehrfach mit Heiratsanträgen
umwerben lassen.
So leben die
Frauen in wohlbehüteter Keuschheit, ohne durch die Verlockungen von
Schauspielen oder die Reizungen von Gelagen verdorben zu werden. Geheimen
Briefwechsel kennen die Männer sowenig wie die Frauen. So zahlreich
die Menschen in diesem Volke sind, so vereinzelt kommt es zu einem Ehebruch;
die Strafe dafür wird augenblicklich vollzogen und steht dem Gatten
zu: entblößt, mit abgeschnittenem Haar jagt sie der Mann im
Beisein der Verwandten aus dem Hause und treibt sie unter Peitschenhieben
durch das ganze Dorf. Für die Preisgabe der Frauenehre gibt es nämlich
keine Verzeihung: eine Ehebrecherin findet keinen Mann wieder, und wenn
sie noch so schön, so jung oder so reich wäre. Denn niemand
belächelt dort Laster, und verführen und sich verführen
lassen gilt nicht als Geist der Zeit. Besser noch steht es um die Stämme,
bei denen überhaupt nur die Jungfrauen heiraten und es mit der einmaligen
Aussicht auf Verehelichung sein Bewenden hat. So bekommen sie einen Gatten,
wie sie ja auch nur einen Körper und ein Leben empfangen haben, damit
kein Gedanke über den Tod hinaus in ihnen aufkeimt, kein Verlangen
diesen Zeitpunkt überdauere, damit sie gleichsam nicht ihren Mann,
sondern die Ehe (als den Weg zur Mutterschaft) lieben.
In allen Häusern
wachsen sie dürftig gekleidet und wenig gepflegt zu diesen Gliedmaßen,
diesen Körpern heran, die wir bewundern. Die eigene Mutter stillt
sie alle; man überläßt die Kinder nicht Mägden oder
Ammen. Herrensohn und "Sklaven"-Kind kann man durch keinerlei
verzärtelte Erziehung voneinander unterscheiden: unter demselben
Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Kindheit, bis das reifere
Alter die Edlen schließlich aussondert, die Leistung sie als solche
erweist.
Man muß
unter allen Umständen die Feindschaften wie die Freundschaften des
Vaters oder eines Blutsverwandten übernehmen. Die Feindschaften dauern
jedoch nicht unversöhnlich fort: selbst Totschlag läßt
sich nämlich mit einer bestimmten Anzahl von Groß- und Kleinvieh
sühnen, und die ganze Sippe nimmt die Genugtuung an. Das ist vorteilhaft
für den Stamm, weil bei der ausgeprägten Freiheitsliebe (der
Germanen) Fehden besonders gefährlich sind.
Gleich nach dem Schlafe, den sie oft genug bis in den Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfter mit warmem Wasser, da bei ihnen der Winter den größten Teil des Jahres ausfüllt. Nach dem Waschen nehmen sie ihr Frühstück ein; jeder hat dabei einen besonderen Platz und seinen eigenen Tisch. Dann begeben sie sich an ihre Geschäfte, nicht weniger oft auch zu Gelagen, und zwar in Waffen. Tag und Nacht einmal hintereinander beim Trunk zu verbringen wird keinem übelgenommen. Wie es bei trunkenen Menschen üblich ist, kommt es häufig zu Streitigkeiten, die selten mit gegenseitigen Beschimpfungen, häufiger mit Totschlag und Verwundung enden. Aber man berät andererseits auch über die (gegenseitige) Wiederversöhnung von Feinden, die Anknüpfung verwandschaftlicher Beziehungen und die Aufnahme in den Fürstenstand, ja schließlich über Krieg und Frieden sehr of bei solchen Gelagen, da nach ihrer Meinung die Seele zu keiner anderen Zeit ehrlichen Gedanken aufgeschlossener ist oder sich für bedeutende eher erwärmt. Dies Volk, das weder verschlagen noch durchtrieben ist, erschließt eben noch seine geheimsten Gefühle in ausgelassener Heiterkeit; so tritt die Gesinnung bei allen unverhüllt und offen ans Licht. Tags darauf nimmt man die Angelegenheit noch einmal hervor, und beide Zeiten kommen zu ihrem Recht: sie überlegen zu einer Zeit, da sie sich nicht verstellen können, sie beschließen, wenn ein Irrtum unmöglich ist.
Als Getränk dient ihnen ein Saft, der unter Verwendung von Gerste und Weizen bereitet und ähnlich wie Wein vergoren ist; die Anwohner des Rhein- und Donauufers kaufen sich auch richtigen Wein. Die Speisen sind einfach: wildwachsendes Obst, frisch erlegtes Wildbret oder geronnene Milch; sie stillen den Hunger, ohne die Speisen besonders zuzubereiten oder zu würzen. Gegen den Durst zeigen sie nicht die gleiche Beherrschtheit. Wenn man ihrer Trinklust dadurch Vorschub leistet, daß man ihnen so viel zuführt, wie sie trinken wollen, wird man sie ebensoleicht durch ihre eigenen Laster wie durch Waffengewalt bezwingen können.
Es gibt nur
eine einzige Art von Schaustellungen bei ihnen, die bei jeder festlichen
Zusammenkunft in derselben Weise verläuft: Nur wenig bekleidete Jünglinge,
für die das ein sportliches Vergnügen ist, werfen sich in tanzartigen
Sprüngen zwischen gezückte Schwerter und drohend erhobene Framen.
Die lange übung (in diesem Spiel) hat zu einer gewissen Gewandtheit
geführt, die Gewandheit zur Anmut; trotzdem gehen sie dabei nicht
auf Erwerb oder klingenden Lohn aus: das Vergnügen der Zuschauer
ist Lohn für ihre spielerische Freude, so tollkühn sie ist.
Die übrigen Sklaven setzen sie nicht so ein, wie es bei uns Sitte ist, wo die Dienstleistungen unter das Gesinde genau aufgeteilt sind: jeder Sklave steht einem eigenen Anwesen, einem eigenen Hof vor. Sein Herr erlegt ihm lediglich eine bestimmte Menge Brotgetreide, Vieh oder Zeug (von Wolle oder Leinen) auf wie einem Kleinpächter, und nur insofern besteht eine Verpflichtung für den Sklaven; die übrigen hauswirtschaftlichen Dienste versehen Frau und Kinder (des Grundherrn). Selten wird ein Sklave geschlagen und durch Zwangsarbeit in Ketten bestraft; eher schon schlagen sie einen nieder, nicht in Wahrung strenger Zucht, sondern im Jähzorn, wie man einen persönlichen Feind erschlägt, nur daß es (für die Tötung eines Sklaven) keine Strafverfolgung gibt. Die Freigelassenen stehen im Range nicht viel über den Sklaven; selten kommt ihnen im Hause, niemals im Stamme irgendeine entscheidende Bedeutung zu, mit Ausnahme der Stämme, an deren Spitze ein König steht. Dort steigen sie nämlich über Freigeborene und selbst über Adlige empor; bei den übrigen ist die untergeordnete Stellung der Freigelassenen ein Beweis dafür, daß dort wirklich Freiheit herrscht.
Daß man
Kapital ausleihen und durch Zinsen anwachsen lassen kann, ist den Germanen
unbekannt, und dadurch sind die erfreulichen Verhältnisse besser
gewahrt, als wenn ein Verbot bestände.
Es gibt bei
ihnen kein Prunken in der Ausgestaltung der Leichenbegängnisse: nur
darauf wird gesehen, daß die Leichen brühmter Männer unter
Verwendung bestimmter Holzsorten verbrannt werden. Den hochgeschichteten
Bau des Scheiterhaufens überladen sie weder mit Teppichen noch mit
Räucherwerk: jeder bekommt seine Waffen mit, manche werden auch mit
ihrem Lieblingspferd verbrannt.
In alter Zeit,
so berichtet unser bedeutendster Geschichtsschreiber, der göttliche
G. Julius Cäsar, seien die Gallier an Macht überlegen gewesen;
deshalb ist es durchaus glaubhaft, daß auch Gallier auf germanisches
Gebiet übergetreten sind. Denn wie wenig konnte es ein Fluß
(wie der Rhein) verhindern, daß ein Stamm jeweils seinen Wohnsitz
wechselte und Neuland in Besitz nahm, wenn er stark genug geworden war;
war doch das Land noch nicht in festen Händen und nicht durch die
Bildung mächtiger Königsherrschaften aufgeteilt! So haben die
Gebiete zwischen dem Herzynischen Walde und den Flüssen Rhein und
Main die Helvetier, das Land weiter östlich die Bojer - beides gallische
Stämme! - im Besitz gehabt. Noch heute ist der Name Boihämum
erhalten und bezeugt die Vorgeschichte dieses Landstriches, wenn auch
die Siedler gewechselt haben. Ob freilich die Aravisker nach Pannonien
aus dem Gebiete der Oser, eines unter Germanen wohnenden Stammes, eingewandert
sind oder die Oser nach Germanien unter Loslösung von den Araviskern,
das weiß man nicht; noch heute gleichen sie einander in Sprache,
Einrichtungen und Gebräuchen. Schließlich lebten beide Stämme
in früherer Zeit in der gleichen Dürftigkeit und Ungebundenheit,
und die Vor- und Nachteile waren auf beiden Donauufern die gleichen.
Alle diese
Stämme überragen an Tapferkeit die Bataver, die vom linken Rheinufer
nur einen kleinen Strich, dafür aber eine durch die beiden Rheinarme
und die Nordseee gebildete Insel bewohnen. Ursprünglich waren sie
ein Teil des Chattenvolkes und sind wegen innerer Zerwürfnisse in
ihre späteren Wohnsitze ausgewandert, wo es ihnen beschieden war,
ein ebenbürtiges Glied des römischen Reiches zu werden. Sie
haben sich ihre Sonderstellung und die sichtbare Anerkennung ihrer langjährigen
Waffenbrüderschaft mit Rom bewahrt; denn man entwürdigt sie
nicht durch Tribute, und kein Steuerpächter saugt sie aus: befreit
von Steuern und Sonderabgaben und nur zur Verwendung für Kämpfe
bereitgestellt, werden sie wie Trutz- und Schutzwaffen Roms für dessen
Kriege aufgespart.
Weiter nordostwärts ("jenseits von diesen") wohnen die Chatten. Ihre Wohnsitze beginnen mit dem Herzynischen Walde, ihr Gebiet ist nicht so flach und sumpfig wie das der anderen Stämme, denen Germanien einen so weiten Raum zur Verfügung stellt: die Hügel bilden nämlich eine ganze Kette und werden nur allmählich seltener, und das Herzynische Gebirge gibt seinen Chatten zugleich das Geleit und setzt sie ab (verliert sich mit ihnen in der Ebene). Die Chatten haben kräftigere Körper (als andere Stämme) und sehnigere Gliedmaßen, einen drohenden Blick und eine ungewöhnliche geistige Regsamkeit. Für Germanen zeigen sie große Umsicht und viel Geschick: sie wissen sich unter auserlesene Männer zu stellen, gehorchen den Vorgesetzten, kennen regelrechte Heeresverbände, verstehen günstige Gelegenheiten wahrzunehmen, den Angriff auch einmal aufzuschieben, sich die Tagesarbeit zweckmäßig einzuteilen und sich während der Nacht durch Einschanzen zu sichern. Glückliche Zufälle sehen sie als unsicheres Geschenk, die Tapferkeit als sichere Garantie (des Sieges) an, und - was man nur sehr selten findet und was eigentlich ein Vorrecht römischer Manneszucht ist - sie verlegen das Schwergewicht auf die Führung statt auf das Heer. Alle Kraft liegt beim Fußvolk, dem sie außer den Waffen auch Schanzzeug und Proviant aufbürden: andere kann man in den Kampf ziehen sehen, die Chatten in den Krieg. Selten unternehmen sie plötzliche Vorstöße und Kämpfe auf gut Glück. Tatsächlich ist es ja auch eine besondere Eigenart von Reiterverbänden, rasch den Sieg zu erringen, rasch zurückzuweichen; (im allgemeinen aber) grenzt Schnelligkeit an Angst, während bedachtsame Zurückhaltung zäher Festigkeit nähersteht.
Was sich auch bei anderen germanischen Stämmen als Brauch findet, aber selten ist und dann dem verwegenen Entschluß des einzelnen überlassen bleibt, hat sich bei den Chatten allgemein durchgesetzt: sobald sie herangewachsen sind, lassen sie Haupt- und Barthaar wachsen und entledigen sich erst nach Tötung eines Feindes der Haartracht, die ein Gelöbnis der Tapferkeit und ihr gleichsam zum Pfand gegeben ist. über dem Blute und der Beute (des gefallenen Gegners) legen sie die Stirn frei und erklären, jetzt hätten sie erst den schuldigen Preis für ihre Geburt bezahlt und wären ihrer Heimat und ihrer Väter würdig; Feiglinge und unkriegerische Naturen behalten das struppige Aussehen. Die Tapfersten tragen überdies einen Eisenring wie eine Fessel - das gilt sonst bei diesem Stamm als Schmach -, bis sie sich durch Tötung eines Feindes (gleichsam) frei machen. Sehr viele Chatten gefällt diese Tracht, und sie sind manchmal schon grau geworden unter diesem Schmuck, für Freund und Feind zugleich durch ihn gekennzeichnet. In allen Kampfhandlungen liegt der erste Anstoß bei ihnen, sie bilden immer die vorderste Linie und bieten einen schrecklichen Anblick; denn auch im Frieden mildern sie ihr Aussehen nicht durch eine gesittetere Lebensform. Keiner dieser Kämpfer hat Hof, Acker oder sonst etwas, dem seine Sorge gilt: sie werden von jedem, zu dem sie gerade kommen, nach Möglichkeit verpflegt - Verschwender fremder Habe, Verächter des Eigenbesitzes -, bis die Entkräftung des Alters sie zu so hartem Heldenleben unfähig macht.
In unmittelbarer Nähe der Chatten wohnen am Rhein, der nunmehr in sicherem Bette fließt und somit eine genügend sichere Grenze abgibt, die Usiper und Tenkterer. Über die gewöhnliche kriegerische Tüchtigkeit hinaus zeichnen sich die Tenkterer durch eine besondere Geschicklichkeit in der Reitkunst aus, und das Fußvolk ist bei den Chatten nicht berühmter als bei den Tenkterern die Reiter. So haben es die Vorfahren eingeführt, die Enkel ahmen es nach; dem Reiten gilt das Spiel der Kinder, dem Reiten der Ehrgeiz der jungen Männer, und selbst die Alten bleiben noch in der Übung. Neben Sklaven, Haus und Hof und vererbbaren Rechten werden die Pferde vererbt: ein Sohn empfängt sie - nicht, wie das übrige, der älteste, sondern ein anderer -, je nachdem wie er sich im Kriege duch ungestümen Heldenmut ausgezeichnet hat.
Neben den Tenkterern traf man einst auf die Brukterer; jetzt sollen die Chamaven und Angrivarier in ihr Gebiet eingewandert sein, nachdem die Brukterer vertrieben und durch ein gemeinsames Vorgehen der Nachbarstämme vollkommen ausgerottet worden sind. Vielleicht haßte man sie wegen ihres Hochmutes, oder die Beute lockte, oder die Götter waren uns irgendwie gewogen; denn sie haben uns nicht einmal das Schauspiel dieses Bruderkampfes vorenthalten. Mehr als sechzigtausend Germanen fielen nicht der gesammelten Kampfkraft der Römer zum Opfer, sondern - was noch großartiger ist - uns zur Augenweide. Möchte doch - so kann man nur wünschen - den fremden Völkern, wenn sie uns schon nicht lieben können, wenigstens der Haß untereinander auf die Dauer erhalten bleiben, da uns in diesen für das Reich schicksalsschweren Zeiten kein größeres Glück beschieden sein kann als die Zwietracht unserer Feinde.
Soweit ist uns nun der westliche Teil Germaniens bekannt geworden; im Norden kehrt es erst nach einer gewaltigen Ausbuchtung wieder (zum Festland) zurück. Gleich an erster Stelle ist der Stamm der Chauken zu erwähnen. Obwohl er unmittelbar an die Friesen angrenzt und einen Teil der Küste einnimmt, ist er in der Flanke allen besprochenen Stämmen vorgelagert, bis er schließlich in einer Ausbuchtung bis in das Gebiet der Chatten reicht. Diesen ungeheuren Flächenraum haben die Chauken nicht nur im Besitz, sondern füllen ihn auch aus, der angesehenste Germanenstamm, der es vorzieht, sich seine Größe durch Gerechtigkeit zu erhalten. Frei von Habgier und Herrschsucht, leben sie in stiller Abgeschiedenheit, beschwören keinerlei Kriege herauf und verwüsten (fremdes Gebiet) nicht durch Raubzüge und überfälle. Das ist der vornehmste Beweis ihrer Kraft und Stärke, daß sie ihre Überlegenheit nicht Gewalttaten verdanken; trotzdem haben alle ihre Waffen griffbereit liegen, und wenn die Lage es erfordert, steht ein gewaltiges Heeresaufgebot von Kriegern und Pferden bereit; und ihr Ruf ist nicht weniger geachtet, wenn sie Frieden halten.
Die Cherusker, die ostwärts neben den Chauken und Chatten wohnen, haben - von niemandem zum Kampfe herausgefordert - allzulange in erschlaffendem Frieden dahingelebt; das hatte mehr Annehmlichkeiten als Sicherheit zur Folge, weil man, von unbeherrschten und starken Nachbarn umringt, sich nur einer trügerischen Ruhe hingibt: wo das Faustrecht gilt, sind Selbstbeherrschung und Redlichkeit Privileg des Überlegenen. So heißen die einst als trefflich und rechtschaffend gerühmten Cherusker jetzt Toren, die sich nicht zu helfen wissen; den siegreichen Chatten hat man ihr Waffenglück als höhere Weisheit ausgelegt. In den Zusammenbruch der Cherusker sind ihre Nachbarn, die Foser, mit hineingezogen worden; als Leidensgenossen sind sie jenen gleichgestellt, während sie in glücklicheren Tagen nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten.
Dieselbe (halbinselartige)
Ausbuchtung Germaniens bewohnen unmittelbar an der Küste des Ozeans
die Kimbern: jetzt ein unbedeutender Stamm, aber ungewöhnlich berühmt
(durch seine Geschichte). Die Spuren jener frühen Größe
sind weithin noch erhalten; an beiden Ufern des Rheins liegen die weiträumigen
Lagerplätze, an deren Umfang man heute noch die gewaltigen Menschenmassen
und die Arbeitskraft dieses Stammes sowie die Glaubwürdigkeit (der
Berichte) über eine so gewaltige Auswanderung ermessen kann. Sechshundertvierzig
Jahre stand Rom, als man unter dem Konsulat des Cäcilius Metellus
und Papirius Carbo zum ersten Male von den Waffentaten der Kimbern hörte.
Wenn man von diesem Zeitpunkt bis zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan
rechnet, dann ergeben sich etwa zweihundertzehn Jahre: so lange schon
siegen wir über Germanien.
Jetzt wäre von den Sueben zu sprechen, die nicht einen einheitlichen Stamm bilden wie die Chatten oder die Tenkterer; sie haben nämlich einen ziemlich großen Teil Germaniens inne, in dem noch heite selbstständige Einzelstämme mit verschiedenen Namen wohnen, obwohl man sie insgesamt Sueben nennt. Es ist ein besonderes Kennzeichen des Stammes, das Haar schräg nach hinten zu kämmen und in einem Knoten hochzubinden: darin unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, darin die freien Sueben von den Sklaven. Was man auch bei den anderen Stämmen findet - vielleicht auf Grund von verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Sueben oder (was ziemlich häufig vorkommt) infolge Nachahmung -, aber nur selten und dann nur in jugendlichem Alter, das beobachtet man bei den Sueben bis sie grau werden: Sie kämmen das widerspenstige Haar nach hinten und binden es oft genau auf dem Scheitel in einem Knoten hoch; die Führer haben eine noch kunstvollere Haartracht. Das ist zwar eine (gewisse) Eitelkeit, aber eine unschuldige; denn nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, handeln sie so: sie wappnen sich mit diesem Schmuck ja für die Augen ihrer Feinde, um irgendwie größer und schrecklicher auszusehen, wenn sie in den Kampf ziehen.
Als die ältesten und edelsten aller Sueben bezeichnen sich die Semnonen; ihr hohes Alter wird durch einen religiösen Brauch sicher beglaubigt. Zu bestimmter Zeit treffen sie sich in einem Hain, der durch Weihen der Väter und uralte fromme Scheu geheiligt ist: alle Teilstämme aus gleichem Blute schicken Abordnungen, und dann feiern sie nach der Opferung eines Menschen von Staats wegen die schaurigen Weihen ihres rohen Kultes. Man erweist dem Hain seine Ehrfurcht auch noch in anderer Weise: Nur in Fesseln darf man ihn betreten, gleichsam als ein Untergebener, der die Macht der Gottheit so sichtlich bekundet. Strauchelt man durch irgendeinen Zufall, dann darf man sich nicht aufheben lassen und aufstehen: auf dem Erdboden wälzt man sich (aus dem Hain) hinaus. Dieser ganze Aberglaube geht auf die Vorstellung zurück, daß von diesem Hain das Volk seinen Ausgang genommen habe, daß dort der Gott wohne, der über alles herrsche, und daß alles sonst ihm unterworfen und zu Gehorsam verpflichtet sei. Das Ansehen der Semnonen wird durch ihre machtvolle Stellung noch gesteigert: in hundert Gauen wohnen sie, und die große einheitliche Masse trägt entscheidend dazu bei, daß sie sich für den Hauptstamm der Sueben halten.
Im Gegensatz
dazu adelt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von vielen sehr starken
Stämmen rings umgeben, sind sie nicht durch Unterwerfung, sondern
durch Kampf und Wagemut gesichert. Dann folgen die Reudigner, Avionen,
Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithonen, die durch Flüsse
oder Wälder geschützt sind. Bei den einzelnen Stämmen ist
nichts Besonderes zu vermerken, abgesehen davon, daß sie gemeinsam
die Nerthus - das ist die Mutter Erde - verehren und glauben, sie nehme
an dem Leben der Menschen teil und komme zu den Stämmen gefahren.
Dieser Teil des suebischen Gebietes zieht sich weit bis in die entlegeneren Gegenden Germaniens hinein. Uns näher wohnt, um, wie eben dem Lauf des Rheins, so jetzt dem der Donau zu folgen, der Stamm der Hermunduren, der den Römern treu ergeben ist. Deshalb gewähren wir ihnen als einzigen Germanen Handelsrecht nicht nur am (rechten) Donauufer, sondern auch tief im Innern des Landes und sogar in der blühenden Hauptstadt der rätischen Provinz. Überall dürfen sie ohne Wachen über die Grenze, und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Lager zeigen, haben wir ihnen, ohne daß sie es gewünscht hätten, unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet. Im Gebiet der Hermunduren entspringt die Elbe, einst ein hochberühmter und wohlbekannter Fluß; jetzt kennt man ihn nur vom Hörensagen.
Neben den Hermunduren leben (donauabwärts) die Narister und anschließend (weiter östlich) die Markomannen und Quaden. Die Markomannen haben einen besonderen Ruf und eine überragende Machtstellung, und auch ihr Siedlungsgebiet selbst, aus dem sie einst die Bojer vertrieben, verdanken sie ihrer Tapferkeit. Auch die Narister und Quaden sind nicht aus der Art geschlagen. Das ist gleichsam die Stirnseite Germaniens, soweit sie durch die Donau gebildet wird. Bei Markomannen und Quaden hat es bis an die Schwelle unserer Zeit Könige aus dem eigenen Volke gegeben: das berühmte Geschlecht des Marbod und Tuder. Jetzt lassen sie sich auch fremde Könige gefallen, aber Amt und Macht verdanken diese der Bestätigung Roms. Selten unterstützen wir sie mit unseren Waffen, häufiger mit Geld, und sie sind darum nicht weniger stark.
Nach rückwärts
schließen sich an die Markomannen und Quaden im Norden und Osten
die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen erweisen sich die
Marsigner und Burer nach Sprache und Lebensweise als Sueben; bei den Kotinern
beweist die gallische, bei den Osern die pannonische Sprache, daß
sie keine Germanen sind, außerdem die Tatsache, daß sie sich
Tribute gefallen lassen. Einen Teil der Abgaben erlegen ihnen als Fremden
die Sarmaten, einen Teil die Quaden auf; die Kotiner sollten sich um so
mehr schämen, als sie sogar selbst Eisen graben!
Jenseits (nördlich)
von den Lugiern sitzen die Goten, von einem König beherrscht. Sie
stehen schon unter etwas strafferer Führung als die übrigen
Germanenstämme, haben aber ihre Freiheit immerhin noch nicht ganz
eingebüßt. Ihnen folgen dann unmittelbar an der Ostsee die
Rugier und Lemovier; Kennzeichen aller dieser Stämme sind runde Schilde,
kurze Schwerter und Gehorsam gegen ihre Könige.
Jenseits (nördlich)
von den Suionen liegt noch ein anderes Meer, träge und beinahe ohne
Bewegung. Daß dieses Meer den Erdkreis abrundet und abschließt,
wird dadurch glaubhaft, daß der letzte Schein der bereits hinabgetauchten
Sonne bis zum Sonnenaufgang in solcher Helligkeit anhält, daß
er die Sterne überstrahlt; außerdem - so fügt der Volksglaube
hinzu - hört man den Klang der auftauchenden Sonne und sieht Umrisse
von Pferden und das strahlenumkränzte Haupt (des Sonnengottes). Nur
bis dahin geht - und das darf man glauben - die Welt.
Hier ist das
Land der Sueben zu Ende. Ob ich die Stämme der Peukiner, Venether
und Fennen zu den Germanen oder Sarmaten rechnen soll, weiß ich
nicht recht, wenn auch die Peukiner, die manche auch Bastarner nennen,
sich in Sprache, Lebensform, Siedlungs- und Wohnweise wie Germanen verhalten.
Alle sind schmutzig und auch die Vornehmen stumpfsinnig und träge;
durch Mischleben sind sie in mancher Beziehung zur äußeren
Erscheinung von Sarmaten entartet. Die Venether haben viel von deren Sitten
angenommen; denn sie durchstreifen das ganze Wald- und Bergland zwischen
Peukinern und Fennen in Raubzügen. Man wird sie trotzdem eher zu
den Germanen rechnen, weil sie feste Häuser bauen, Schilde tragen
und an der Geübheit und Schnelligkeit ihrer Füße ihre
Freude haben; das alles trennt sie von den Sarmaten, die auf ihren Wagen
und Pferden leben. |